Faktor A
02/2012
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Vor dem Beginn ihrer Schicht ist noch etwas Zeit: Die Anästhesistin Böhringer liest ihrer Tochter vor. Auch ihr achtjähriger Sohn Constantin wird in der Klinik-Kita betreut. Zum Feierabend seiner Mutter hat er längst Hausaufgaben gemacht.
TITELSTORY
Auf baldiges Wiedersehen!
Deutschland steht ein großer Fachkräftebedarf ins Haus. Höchste Zeit, dass sich die Unternehmen stärker mit dem intelligenten Wiedereinstieg von Eltern nach der Babypause beschäftigen. Gute Beispiele dafür gibt es.
Wenn Bettina Böhringer ihre grüne OP-Kleidung am Ende ihrer Schicht geschafft gegen Jeans und Turnschuhe tauscht und aufbricht, um ihre Kinder aus der Kita abzuholen, ist es häufig dämmrig. Mal ist eine Operation zeitlich aus dem Ruder gelaufen, mal braucht ein Patient nach einem Eingriff noch einen Extrabesuch. Trotzdem muss sich die Anästhesieärztin nicht beeilen, um eine verärgerte Kindergärtnerin zu besänftigen, die auf die Uhr zeigt. Ihre Kinder Victoria und Constantin sind in der Kita ihres Arbeitgebers - der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau - auch bis in die späten Abendstunden gut aufgehoben.
Zwischen 5.30 und 21.30 Uhr können Ärzte, Pflege- und Reinigungspersonal die Einrichtung für ihre Kinder nutzen. Hier wird der Nachwuchs mit Abendessen versorgt, Schulkinder - so wie Böhringers achtjähriger Sohn - erledigen ihre Hausaufgaben und können zwischen Sportangeboten, Musikerziehung oder kleinen Experimenten wählen.
Den betriebswirtschaftlichen Nutzen seiner familienfreundlichen Maßnahmen hat Personalchef Albert Stichaner schwarz auf weiß: Trotz der Investitionen von 565.000 Euro bleibt ein rechnerischer Nutzen von 136.500 Euro.
„Wir haben gigantische Öffnungszeiten und ein tolles Betreuungs- angebot“, schwärmt die 44-jährige Intensivmedizinerin, deren Mann als Unfallchirurg ebenfalls in der Klinik arbeitet. „Ohne all das hätte ich nach den beiden Geburten die Rückkehr in meinen Beruf nicht wieder so schnell hinbekommen.“
Sechs Monate beziehungsweise acht Wochen nach der Geburt stand Böhringer wieder im OP - wichtig in ihrem Job, in dem sich die Technik schnell ändert und Routine essenziell ist.
Heute arbeitet sie in Teilzeit, drei Tage die Woche plus 60 Stunden Bereitschaftsdienst pro Monat, in denen sie in der Klinik sein muss und Betreuung für die Kinder braucht.
Dass die Unfallklinik Murnau solch gute Bedingungen bietet, kommt nicht von ungefähr. Idyllisch, aber abseits von Ballungsräumen am Alpenrand gelegen, hat sich das 450-Betten-Haus seit seiner Gründung in den 1950ern um die Bindung seiner hochqualifizierten, überwiegend weiblichen Belegschaft bemühen müssen. In den 70er Jahren wurde die erste hauseigene Kita errichtet. Mittlerweile stehen 100 Betreuungsplätze für die Kinder der 1.650 Angestellten zur Verfügung - an 365 Tagen im Jahr, ab der achten ...
Klaus Zimmermann vom Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung plädiert für eine Förderung des Wiedereinstiegs: „Jede Frau, die beruflich nicht in die Position kommt, für die sie qualifiziert ist, kostet uns Wachstum.“
... Lebenswoche bis zum 10. Lebensjahr. Der Erfolg gibt dem aufwendigen Konzept Recht: 90 Prozent der jungen Eltern kehren nach ihrer Babypause wieder an die Klinik zurück. Die Fluktuation ist in den vergangenen 25 Jahren von 34 auf sechs Prozent gesunken, was die Klinik zum großen Teil auf die familienfreundlichen Maßnahmen zurückführt. Hierzu gehören neben der Kinderbetreuung zahlreiche Teilzeit-Modelle und Wiedereinstiegsszenarien. Obwohl diese nicht billig sind - 2007 investierte die Klinik 565.000 Euro -, blieb ihr durch die gesparten Überbrückungs-, Fluktuations- und Wiederbeschaffungskosten für ausfallendes Personal von rund 701.500 Euro ein rechnerischer Nutzen von 136.500 Euro, wie Personalchef Albert Stichaner nicht ohne Stolz feststellt.
Tatsächlich gibt es erst wenige Unternehmen, die eine solche Rechnung aufstellen.
Angesichts der demografischen Entwicklung dieses Landes sind familienfreundliche Maßnahmen aber durchaus sinnvoll.
Ab 2015 wird die deutsche Wirtschaft unter einem erheblichen Fachkräftemangel leiden, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt hat.
Das Softwareunternehmen Perbit in Trossingen zeigt sich familienfreundlich: Hilde Hurlemann hat ihre Führungsposition auch nach der Geburt ihrer zwei Kinder behalten – und arbeitet nun Teilzeit.
Und so feilen Arbeitgeber zunehmend an Angeboten, um ihren vielen gut ausgebildeten Frauen nach einer Auszeit eine adäquate Rückkehr in den Job und den Eltern künftig eine bessere Verein- barkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Bei mehr als der Hälfte aller Firmen sind familienfreundliche Maßnahmen offiziell zentraler Bestandteil in der Personalentwicklung, wie das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) und das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln ermittelt haben. Klaus Zimmer- mann, Präsident des DIW, stellte bei der Vorstellung des jüngsten DIW-Monitors fest: „Jede Frau, die beruflich nicht in die Position kommt, für die sie qualifiziert ist, kostet uns Wachstum.“ Per Gesetz haben junge Eltern die Möglichkeit, sich drei Jahre lang ausschließlich um das Wohl ihres Kindes zu kümmern, ohne Gefahr zu laufen, ihre Arbeit zu verlieren. Seit 2001 gibt es die Möglichkeit, schon während der Elternzeit bis zu 30 Stunden pro Woche in den Job zurückzukehren. Ein Angebot, das heute viele Berufstätige und Betriebe nutzen, zumal Erziehende mit dem Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten für Unter-Dreijährige neue Spielräume dafür erhalten.
In immerhin gut 60 Prozent der Firmen ist die Elternteilzeit schon im Einsatz, wie eine Umfrage des IW ergab.
Hans-Georg Nelles, Betreiber eines Blogs für Väter (www.vaeterblog.de), weiß, dass es noch immer nicht überall akzeptiert wird, dass Männer Elternzeit nehmen: „Eine Idee braucht immer gute Vorturner – je höher positioniert, desto besser.“
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht machen sich solche wiedereinsteigerfreundlichen Maßnahmen durchaus bezahlt, wie eine Kosten-Nutzen-Analyse des BMFSFJ ergab. Danach kann ein Arbeitgeber im Schnitt 19.000 Euro pro Elternzeitler sparen, wenn es gelingt, sie oder ihn zur zügigen Rückkehr zu bewegen, anstatt für drei Jahre und länger einen Ersatz suchen zu müssen. Bei einer sechsmonatigen Pause kostet das Einarbeiten nur 15 Prozent dessen, was eine Neueinstellung kosten würde. Bei zwölf Monaten Auszeit sind es 30 Prozent, und auch die Wiedereingliederung nach dreijähriger Elternzeit schlägt nur mit 75 Prozent dessen zu Buche, was eine Neueinstellung kosten würde. Basis der Modellrechnung des BMFSFJ ist eine mittelgroße Firma, bei der 43 Prozent der Beschäftigten bis zu 30.000 Euro brutto verdienen, 40 Prozent zwischen 30.001 und 55.000 Euro und der Rest mehr als 55.000 Euro brutto erhalten.
Wirtschaftlich sinnvoll wäre es demnach, die Babypause so kurz wie möglich zu halten und den Eltern die Rückkehr in eine ihrer Qualifikation entsprechende Position zu ermöglichen.
Christina Boll vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) hat viele Berechnungen zu dem Thema gemacht und ...
Beim Neusser Technologiekonzern 3M ermöglicht man auch Führungskräften, in Teilzeit zurückzukehren. 27 Prozent der jungen Mütter kehren nach der Elternzeit zurück, die Hälfte sogar schon währenddessen.
... plädiert im Sinne der finanziellen Absicherung des pausierenden Elternteils - häufig der Mutter - ebenfalls für einen frühen Wiedereinstieg: „Nicht jede Frau möchte gleich wieder einsteigen, aber denen, die wollen, sollte man das erleichtern.“ Natürlich hat das Thema nicht nur eine betriebswirtschaftliche Komponente, sondern auch eine gesellschaftliche. Die öffentliche Diskussion darüber hält an, welche Art der Betreuung ab welchem Alter die beste für den Nachwuchs ist. In anderen Ländern, etwa in Frankreich oder in Skandinavien, gilt es als gesellschaftlich akzeptiert, dass bereits Babys in Krippen betreut werden, damit die Eltern arbeiten können. Auch hierzulande steigt die Akzeptanz für Mütter, die früh in den Beruf zurück wollen - nicht zuletzt aufgrund der Initiative der vorigen Familienministerin, Ursula von der Leyen, die Betreuungsangebote für Kinder unter drei deutlich auszubauen. Dass sie nach der Geburt ihrer Kinder schnell wieder in den Beruf zurückkehren wollte, zumindest in Teilzeit, stand für die Abteilungsleiterin Hilde Hurlemann stets außer Frage. Dass ihr Arbeitgeber dabei mitziehen würde, ebenfalls. In der Softwarefirma Perbit in Trossingen im Schwarzwald herrscht Vertrauensarbeitszeit. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden mit Physiotherapie, Yoga und täglich frischem Obst versorgt, ...
In den meisten Firmen ist eine Teilzeittätigkeit für Führungskräfte hingegen nicht möglich, weiß Christina Boll vom HWWI: „Männer trauen sich schon gar nicht danach zu fragen, aus Angst, man könnte ihren Leistungswillen anzweifeln.“
... Elternzeitler mithilfe eines Kontakthalteprogramms über Neuigkeiten informiert, zu Festen eingeladen und zum regelmäßigen Austausch animiert.
Und so ist die 37-Jährige weiter Leiterin der Systemgenerierung in der 60-Personen-Firma - und zwar in Teilzeit, mit etwa 25 Stunden pro Woche.
Das Modell funktioniert gut: „Ich bin täglich bis halb eins in der Firma und nachmittags telefonisch erreichbar. Nach Abstimmung nehme ich auch nachmittags mal einen Termin wahr. Ich bin flexibel, die Großeltern springen gerne als Babysitter ein. Aber meine Mitarbeiter arbeiten sehr eigenständig und brauchen nicht ständig eine Entscheidung von mir“, sagt Hurlemann. Jeweils drei Monate nach Geburt der beiden Kinder - heute drei und sechs Jahre alt - ist sie wieder eingestiegen und hatte bereits im Vorfeld mit ihren Chefs nach einer praktikablen Lösung gesucht. Arbeit wurde umverteilt, Prozesse neu organisiert. „Ich weiß es sehr zu schätzen, dass mein Unternehmen den Mut hat, seinen Mitarbeitern so viel Vertrauen entgegen zu bringen. Ein wichtiges Signal.“
Ein Beispiel mit Seltenheitswert, wie die Wissenschaftlerin Boll vom HWWI weiß: Für Führungskräfte ...
Wenn die anderthalbjährige Charlotte verschnupft ist, darf Christine Mühleib sie mit ins Büro bringen: Ihr Arbeitgeber, das Institut Fraunhofer Umsicht, hat ein Mit-Kind-Büro eingerichtet.
... werde Teilzeit selten angeboten. „Männer trauen sich schon gar nicht danach zu fragen, aus Angst, man könnte ihren Leistungswillen anzweifeln.“
In vielen Büros ist nach wie vor die tägliche Anwesenheit entscheidend für Karrierechancen.
Und solange Angestellte keine anderen Signale aus den oberen Etagen wahrnehmen, wird sich auch nur sehr langsam etwas ändern, meint Hans-Georg Nelles, Organisationsberater und Betreiber eines Blogs für Väter (www.vaeterblog.de). „Eine Idee braucht immer gute Vorturner - je höher positioniert, desto besser.“ In einem anderen Fall hat eine Firma Bürgen aus dem Management installiert, die dafür einstehen, dass Elternzeitler, insbesondere Männer, keinen Karriereknick erleiden.
Dass es für den Erfolg darauf ankommt, Familienfreundlichkeit an der Spitze zu leben, weiß man beim Antriebstechnik-Spezialisten Wittenstein. Mit 1.400 Köpfen ist die Firma in Igersheim an der Tauber einer der größten Arbeitgeber der Gegend und ihr Chef, Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, bekannt für seinen Einsatz für Familien. Jeder aus der Firma kenne jemanden, der ...
Die Kosten für dieses Eltern-Kind-Büro halten sich im Rahmen: 700 Euro hat Fraunhofer Umsicht investiert. Für die Wirtschaftsinformatikerin ist es eine große Hilfe: „Ich empfinde es als sehr positiv, dass ich mir keine Sorgen um solche Situationen machen muss.“
... eine oder mehrere Familienmaßnahmen, wie etwa die diversen flexiblen Arbeitszeitmodelle, genutzt habe, sagt der Personalchef Oliver Kössel. Das bringt gute Bewerberinnen und Bewerber und bindet die eigenen Kräfte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei so vielen Beispielen noch ein Mitarbeiter, egal welcher Hierarchiestufe, Bedenken hätte, bei uns nach Elternzeit oder Teilzeit zu fragen“, sagt Kössel. Angst vor dem Karriereknick durch Kinder dürfte beim verfahrenstechnisch ausgerichteten Fraunhofer-Institut Umsicht in Oberhausen auch längst niemand mehr haben - angesichts von mindestens 116 Kindern bei einer Stammbelegschaft von 183 Personen.
Das Unternehmen schreibt Work-Life-Balance groß und versucht über Gleitzeit, Heimarbeitsplätze und Jobsharing-Modelle gute Rahmenbedingungen zu schaffen.
Christine Mühleib hat das die Entscheidung für ein Kind sehr erleichtert, wie sie sagt. Ihre Tochter Charlotte ist 18 Monate alt und wird tagsüber von einer Tagesmutter gut betreut. Wenn diese mal ausfällt oder die Kleine zu verschnupft ist für andere Kinder, bringt die 28-jährige Wirtschaftsinformatikerin das Mädchen kurzerhand mit ins Büro. Für 700 Euro hat Fraunhofer Umsicht einen Arbeitsplatz mit integriertem Kinderzimmer eingerichtet - als Service für Eltern. Neben Schreibtisch und PC für die Großen gibt es Laufstall, Maltafel, Bettchen und Wickeltisch für die Kleinen. „In einem anderen Unternehmen würde ich frei nehmen müssen“, sagt Mühleib. „Hier kann ich viele Dinge erledigen, auch wenn ich natürlich ein Auge auf Charlotte haben muss. Ich empfinde es als sehr positiv, dass ich mir keine Sorgen um solche Situationen machen muss.“
Experten erwarten, dass junge Berufstätige solche Rahmenbedingungen künftig verstärkt einfordern werden.
„Männliche Bewerber fragen heute schon nach Möglichkeiten, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen“, so die Erfahrung von Nelles. „‚Da müssen wir dann mal schauen’ - ist keine adäquate Antwort mehr. Damit bekommt man keine interessanten Kandidaten“, sagt der Berater. Und erst recht keine Kandidatinnen.
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